Im Vorfeld der 2. EUROGI imaGIne Konferenz hat Roberto Viola (Stellvertretender Generaldirektor, Generaldirektion Kommunikationsnetze, Inhalte und Technologie, Europäische Kommission) ein Interview gegeben, in dem er seine Gedanken zu und für ihn wichtige Schwerpunkte von Geoinformation (GI) und Geo-Technologien (GT) ausführt. Die englischsprachige Version des Interviews ist auf der EUROGI Homepage verfügbar.
A. Viola (Quelle: http://www.imagine2014.eu/_cache/rsklan/cheetah/thumb/148x99/upload_8A0905_Viola_1_.jpg)
Die deutschsprachige Übersetzung finden wurde von Frau Gerda Schennach verfasst und über den AGEO-Verteiler durch Frau Petra Staufer-Steinnocher versandt.

„Die Rolle von GI zur Erschließung des Innovationspotenzials von Daten-basierten Geschäften ist eine entscheidende Voraussetzung in diesem wichtigen EU-weiten Prozess, und ich möchte die GI-Community ermuntern, sich aktiv in regelmäßige Konsultation einzubringen“ betont der stellvertretende Generaldirektor von CONNECT, der für Informationstechnologie zuständigen Generaldirektion, die über erhebliche Anteile des EU-Budgets für Forschung und Innovation verfügt. Violas Aussagen sind umso bedeutsamer, als sie an der Schwelle zur Bildung der neuen EU-Kommission stehen. Die Fragen stellte EUROGI, der Europäische Dachverband für Geo-Information, Ausrichter der imaGIne-Konferenz.

EUROGI: Es wird allgemein behauptet, dass 80% aller Entscheidungen von Politikern, Geschäftsleuten oder Personen mit dem Raum zu tun haben und somit von guten ortsbezogenen Informationen profitieren. Die Technische Universität Dresden hat kürzlich den Wahrheitsgehalt dieser Aussage überprüft und herausgefunden, dass tatsächlich 57% aller in der Wikipedia aufgeführten Begriffe mit Orten in Verbindung stehen.
Mit Blick auf Ihr Portfolio als stellvertretender Generaldirektor für Informations- und Kommunikationstechnik und für die Europäische Digitale Agenda, wie würden Sie Bedeutung und Rolle der Geo-Information (GI) und Geo-Technologien (GT) innerhalb der gesamten Informationstechnologie und für die Informationsgesellschaft bewerten?
Viola:
Die GD CONNECT der Kommission ist für die Umsetzung der Digitalen Agenda, einschließlich Maßnahmen zur Förderung der Entstehung einer echten datengetriebenen Wirtschaft, in Europa verantwortlich. Die Wirkung von GI und GT ist insbesondere im Rahmen unserer Bemühungen um eine Öffnung öffentlicher Informationen (Public Sector Information PSI) für eine breite Weiternutzung sichtbar. Geodaten sind eine Teilmenge von PSI, und ihnen wird weithin ein besonderes Wiederverwendungspotential zugeschrieben, verbunden mit der Schaffung von innovativen Informationsdienstleistungen und Produkten mit hohem Mehrwert.
Wir vertrauen darauf, dass die GI-basierten Innovationschancen dank der jüngsten Novellierung der PSI-Richtlinie – dem rechtlichen Eckstein der Open Data-Initiativen in Europa – stark verbessert werden. Die neuen Regeln, die bis Juli 2015 in nationales Recht der Mitgliedsländer umzusetzen sind, schaffen einen Rechtsanspruch auf Wiedernutzung öffentlicher Informationen ohne oder zu sehr geringen Kosten.
Die Richtlinie wird daher Auswirkungen auf nationale Katasterdaten in einer Weise haben, dass viele Länder ihre Preispolitik überdenken müssen. Dies wiederum sollte die Verfügbarkeit von GI für die Märkte deutlich erhöhen.
Jüngste Initiativen der Kommission beweisen, dass die Rolle von Geodaten weiter wächst. Zwei wichtige von der Kommission im Juli dieses Jahres verabschiedete Dokumente (die Mitteilung „Für eine florierende datengesteuerte Wirtschaft“ und eine Bekanntmachung der Kommission „Leitlinien für empfohlene Standardlizenzen, Datensätze und Gebühren für die Weiterverwendung von Dokumenten“) fördern Aktivitäten und Politiken auf EU- und nationaler Ebene, die die Nutzung und Wiederverwendung von GI in Unternehmen und Regierungen weiter steigern sollten. Die genannten Leitlinien würdigen den Wert von Geodaten und betrachten sie als eine von fünf prioritären Datenkategorien für die Freigabe aufgrund höchsten Bedarfs durch Nachnutzer quer durch Europa.
EUROGI:
GI hat als Querschnittswerkzeug Netzwerke von Interessengemeinschaften hervorgerufen, die als Plattformen für den Wissensaustausch zwischen den verschiedenen Themenbereichen sorgen, Innovationen verbreiten und stimulieren sowie ganz allgemein das Wirtschaftswachstum und den sozialen Wohlstand fördern.
Wie beurteilen Sie die Bedeutung von Netzwerken wie EUROGI für die GI-Wirtschaft in Europa?
Wie bereit ist die Europäische Kommission, mit solchen Netzwerken zusammenzuarbeiten, um eine koordinierte und neutrale Position aus ganz Europa zu bekommen?
Viola:
Die Kommission schätzt die Bemühungen der Dachorganisationen, die verschiedene Nutzergruppen aus Bürgern, Wissenschaft und Privatwirtschaft repräsentieren, um eine kohärente und umfassende Formulierung von Bedürfnissen für die Politikentwicklung zu erhalten. Dies vermittelt uns einen permanenten Reality-Check und stellt sicher, dass Sorgen, Hoffnungen und Anregungen verschiedenster Beteiligter nicht unbemerkt bleiben. Für die GI-Branche, die Tausende von großen und kleinen Unternehmen auf dem gesamten europäischen Kontinent umfasst, ist dies besonders relevant.
Die Kommission ist bereit und willens, solche Netzwerke in die verschiedenen Phasen der politischen Entscheidungsfindung einzubinden – von der Teilnahme an öffentlichen Konsultationen über die Einholung von Rat in Expertengruppen bis zu endgültigen Umsetzungsmaßnahmen im Rahmen von Public Private Partnerschaften.
EUROGI:
Internet-basierte virtuelle Konferenzen sind jetzt allgemein verfügbar und werden oft genutzt.
Angesichts dieser Realität, für wie wichtig halten Sie persönliche Zusammenkünfte wie die EUROGI imaGIne Konferenz?
Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptvorteile einer solchen Konferenz auf europäischer Ebene, auch im Vergleich zu den vielen nationalen und regionalen Treffen?
Viola:
Obwohl Internet-basierte Konferenzeinrichtungen effizienter werden, glaube ich, dass natürliche Begegnungen wie die imaGIne Konferenz eine einzigartige Gelegenheit bieten, Ansichten auszutauschen, neue Kontakte zu knüpfen, Best Practice zu erdenken und zu vergleichen – alles das wäre viel härter in einem digitalen Umfeld.
EUROGI:
Die USA spielen eine weltweit dominierende Rolle in einer breiten Palette von digitalen Bereichen, einschließlich der GI / GT.
Was muss Europa tun, um aufzuholen? Was wird die Politik der neuen Kommission sein?
Werden die Programme und Innovationsprojekte auf die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Anbieter auf dem Weltmarkt ausgerichtet sein und dabei auch europäische Alleinstellungsmerkmale wie interkulturelle, grenzüberschreitende und mehrsprachige Lösungen ausnützen, etwa auch im Kontext mit höheren Datenschutzstandards? Werden Sie in Ihrer Rede darauf eingehen?
Viola:
Das ist eine sehr gute und aktuelle Frage.
Heutige Barrieren wie die fragmentierte Forschung zu Daten, das Fehlen eines „Daten-Ökosystems“, in dem die verschiedenen Teile zusammenarbeiten, die Abwesenheit von zuverlässigen Preismodellen für Datenbestände, oder der Mangel an Datenspezialisten verhindern, dass Europa die Chancen einer Daten-getragenen Wirtschaft voll ausschöpft. Mit dem Aufstieg weiterer Player auf der globalen Bühne und aus Gründen der „Economy of Scale“ ist es wichtig, dass die Maßnahmen auf europäischer Ebene koordiniert werden. In der europäischen Datenpolitik, die derzeit entwickelt wird, konzentrieren wir uns auf jene Bereiche und Segmente, in denen Europa auf dem Weltmarkt einen Unterschied machen kann.
Ich möchte Sie ermutigen, einen genaueren Blick auf die Mitteilung der Kommission „Für eine florierende datengesteuerte Wirtschaft“ [KOM (2014) 442] zu werfen, die nicht nur eine ambitionierte Vision einer datengetriebenen, global wettbewerbsfähigen EU-Wirtschaft gibt, sondern auch einen ersten Satz von Maßnahmen beschreibt, um die richtigen Rahmenbedingungen für die Entstehung eines florierenden Daten-Ökosystems zu setzen. In diesem Zusammenhang ist die Verfügbarkeit von qualitativ hochwertigen, zuverlässigen und vertrauenswürdigen Geodaten ein Schlüsselfaktor.
Die Rolle von GI zur Erschließung des Innovationspotenzials von Daten-basierten Geschäften ist die eine entscheidende Voraussetzung in diesem wichtigen EU-weiten Prozess, und ich möchte die GI-Community ermuntern, sich aktiv in regelmäßige Konsultation einzubringen.

About fjbehr

Prof. Dr.-Ing. Franz-Josef Behr, Professor of Geoinformatics at Stuttgart University of Applied Sciences (http://www.gis-management.de/). His specializations include * Internet, Internet GIS * XML, GML, SVG * Data exchange and Interoperability * Visualization * Open Source Solutions * Consulting Member of the DIN working group NA 005-03-03 AA "Arbeitsausschuss Kartographie und Geoinformation" (Sp CEN/TC 287+ISO/TC 211). He is the author of two authoritative books on GIS in German, one is "Strategisches GIS-Management", published by Wichmann Verlag (2004). The second is "Einführung in Geographische Informationssysteme" (1997).

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