Normen, Austauschstandards – was steht dahinter?

Im GI-Umfeld ist vielfach von Normen, Austauschstandards usw. zu hören. Doch was macht eine
Norm zu einer Norm?

Vier Bedingungen sind von einer Norm zu erfüllen, damit sie rechtskräftig werden kann [Eckert 1991]:

  • Sie muß öffentlich angekündigt werden (transparency).
  • Der Öffentlichkeit muß zur Verabschiedung der Norm durch ein Einspruchverfahren die Möglichkeit
    zur Kommentierung gegeben werden (public inquiry).

  • Die Norm muß in nationale Normenwerke übernommen werden (transposition); abweichende nationale
    Normen müssen zurückgezogen werden.

  • Die Arbeiten an einer nationalen Norm sind einzustellen, wenn sie einer in Entwicklung befindlichen
    europäischen Norm widerspricht (standstill).

    Normen können von anerkannten Normenorganisationen unter diesen Voraussetzungen verabschiedet
    werden. Daneben gibt es eine Reihe von Institutionen, die normenähnliche Dokumente erarbeitet, die
    allgemein als De-facto-Normen anerkannt werden. Das Institute of Elektrical and Electronical Engineers
    (IEEE) in den USA ist eine dieser Institutionen. Dort wurden u.a. eine Reihe von Standards erarbeitet, die
    im Bereich der Netzwerke so große Bedeutung besitzen, daß sie zu einem großen Teil von anerkannten
    Normierungsorganisationen in entsprechende Normen umgesetzt wurden.

    Im Bereich der Telekommunikation werden vom Internationalen Aussschuß für den Telegraphen- und
    Fernsprechdienst (Comitée International Consultativ, CCITT) Empfehlungen erstellt, die von den
    öffentlichen Telekommunikationsnetzbetreibern als Leitlinien (De-Facto-Normen) anerkannt werden, die
    allerdings auch noch Mehrdeutigkeiten und Kann-Vorgaben enthalten.

    Internationale Normung im eigentlichen Sinne findet in den Gremien der ISO (Internationale
    Organisation für Normung) und der IEC (Internationale elektrotechnische Kommission) statt. Die
    weltweite Normierungstätigkeit wird durch regionale Organisationen in Europa, Asien und Nordamerika
    unterstützt. In Europa sind dies das Europäische Komitee für Normung (CEN) für den Bereich der ISO
    sowie das Europäische Komitee für elektrotechnische Normung (CENELEC) für den Bereich der
    elektrotechnischen Normen. Daneben wurde 1988 ein Europäisches Normungsinstitut für Telekommunikationsstandards (ETSI) gegründet. Bei CEN sind inzwischen 40% der Europäischen Normen identisch
    mit den enstprechenden ISO-Normen [Knoop 1994].

    Grundlegende europäische Normen von CEN und CENELEC werden mit EN (Europäische Norm)
    bzw. von ETSI mit ETS (Europäischer Telekommunikationsstandard) bezeichnet. Diese sind insofern
    rechtsverbindlich, daß sie als nationale Normen übernommen werden; entgegenstehende nationale Normen
    müssen zurückgezogen werden. Einzelne Unternehmen jedoch können sich frei entscheiden, ob sie sie
    befolgen wollen oder nicht.

    Kann das Ziel einer einheitlichen europäischen Norm nicht erreicht werden, haben CEN und
    CENELEC die Möglichkeit, ein Harmonisierungsdokument (HD) zu erstellen, das für eine bestimmte Zeit
    natioanle Abweichungen zuläßt. Diese müssen nicht als nationale Normen übernommen werden; davon
    abweichende nationale Normen müssen jedoch zurückgezogen werden.

    Wird der Bedarf nach einer europäischen Norm erkannt und es nicht möglich scheint, ein bestehendes
    oder in Ausarbeitung befindliches Dokument anderer Normierungsgremien zu verwenden, wird ein
    Expertenteam im Rahmen eines Technischen Komitees (TC) zusammengestellt.

    Neben den offiziellen Normierungsgremien sind weitere Institutionen auf europäischer Ebene mit der
    Entwicklung technischer, normenähnliche Dokumente befaßt. Im Bereich der raumbezogenen
    Datenverarbeitung ist unter anderem das Comité Européen des Responsables de la Cartographie Officielle
    (CERCO), die Digital Geographic Information Working Group (DGIWG) der Nato zu nennen.

    In der Bundesrepublik Deutschland nimmt das Deutsche Institut für Normung (DIN) sowie – im
    Bereich der Elektrotechnik und der Telekommunikation – die Deutsche Elektrotechnische Kommission in
    DIN und VDE (DKE) Normierungsaufgaben war. Dazu zählt auch die Wahrnehmung und Umsetzung
    regionaler und internationaler Normen (öffentliche Ankündigung, Einrichtung von
    Kommentierungsgremien, Durchführung des öffentlichen Einspruchverfahrens, Sicherstellung der
    Stillstandsvereinbarung und die widerspruchsfreie Umsetzung der europäischen Normen in das nationale
    Normenwerk).

    Im Rahmen der DIN-Normungsarbeit werden GIS-relevante Themen in den vier Arbeitsausschüssen
    “Geodäsie”, “Photogrammetrie und Fernerkundung”, “Kartographie und Geoinformation” sowie
    “Geodätische Geräte und Instrumente” wahrgenommen, die dem Fachbereich “Vermessungswesen,
    Geoinformation” im Normenausschuß Bauwesen (NABau) angehören [Knoop 1994].

    Auf nationaler Ebene wird die Regelsetzung durch die Arbeitsgemeinschaft der
    Vermessungsverwaltungen
    (AdV) unterstützt. Auch der 1994 gegründete Deutsche Dachverband für
    Geoinformation
    (DDGI) will dazu einen Beitrag leisten.

    Auf europäischer Ebene sind zwei Technische Komitees mit Normierungsaufgaben im Bereich
    Geoinformation tätig. Auf Antrag des französischen Normungsinstituts AFNOR hat sich 1992 das
    CEN/TC 287 “Geoinformation” konstituiert [Knoop 1994]. Die Aufgabe ist wie folgt festgelegt [Knoop
    1994]:

    “Normung auf dem Gebiet der digitalen Geoinformation umfaßt die Schaffung eines Normenwerks, das
    Verfahren zur Definition, Beschreibung und zum Austausch von Modellen der realen Welt bereitstellt.
    Es soll das Verständnis und den Gebrauch von digitalen Informationen ermöglichen, die sich auf alle
    ortsgebundenen Gegenstände und Sachverhalte der realen Welt beziehen.”

    Das TC 278 “Road Transport Telematics” beschäftigt sich in der Arbeitsgruppe “Geographic and Road
    Database (GRDB)” speziell mit digitalen Straßeninformationen auf der Basis eines einheitlichen Formats
    (Geographic Data File, GDF).




    [Eckert 1991] Eckert, J., 1991: Der lange Weg zur Harmonie. c”t. 3 (1991), S. 58 – 66

    [Knoop 1994] Knoop, H., 1994: Normung und technische Regelsetzung des Vermessungswesens in der
    Europäischen Union. in: 78. Deutscher Geodätentag Mainz. Schriftenreihe Deutscher
    Verein für Vermessungswesen, Band 12, Verlag Konrad Wittwer, Stuttgart, S. 106 – 114